27. August 2026 | ki-beo.ch
In Peking laufen gerade zwei Veranstaltungen parallel. Die World Robot Games, bei denen Roboter gegeneinander antreten. Und die World Robot Conference, bei der die Branche zeigt, wie ernst es ihr wirklich ist. Was dort passiert, lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Die Technologie kippt von Forschung in Markt. Das hat Folgen, auch für Betriebe im Berner Oberland, auch wenn die meisten das noch nicht spüren.
Die Zahlen hinter dem Spektakel
An den World Robot Games treten 2056 Roboter aus 666 Teams und 16 Ländern in 51 Disziplinen an. Sprint, Weitsprung, Fussball, Tischtennis, Kickboxen, Tauziehen, Gewichtheben. Ein Humanoider läuft 100 m in 9,32 Sekunden. Ein anderer springt 2,88 m hoch.
Das ist beeindruckend. Aber die eigentliche Nachricht kommt von der Konferenz nebenan.
Auf der World Robot Conference stellen 300 Aussteller aus 26 Ländern aus. Allein 50 Hersteller zeigen komplette humanoide Roboter. So viele wie noch nie auf einer Messe, bei über 3000 Produkten, die schon jetzt in Haushalte und Betriebe drängen.
JD.com, der chinesische Online-Händler, der gerade MediaMarkt und Saturn übernimmt, verkauft Humanoide inzwischen einfach im Onlineshop. Ein Waschmaschinenkonzern stellt einen 165 cm grossen Haushaltsroboter vor, der Wäsche, Küche und Putzen übernimmt. Und Hersteller wie BYD, Xiaomi und NIO, bisher bekannt für Autos und Elektronik, bauen jetzt eigene Humanoide.
Thomas Derkson, China-Insider und Robotikunternehmer, war für Everlast Robotics Live vor Ort. Er beschreibt 2026 als das für die Robotik, was 2022 für die KI war: Goldgräberstimmung, aber auch echte Unsicherheit. Wer wird der nächste dominante Player? Wer auf den falschen setzt, kann viel verlieren.
Für einen Betrieb heisst das: Die Frage ist nicht ob humanoide Roboter kommen, sondern wann und für welche Aufgaben sie kaufreif werden. Das Muster kennen wir von der KI. Nur kommt jetzt auch die Körperwelt dazu.
Warum überhaupt humanoid?
Die Antwort ist überraschend pragmatisch.
Unsere Welt ist für menschliche Körper gebaut. Alle Fabriken, Supermärkte, Hotels, Büros und Wohnungen sind auf menschliche Proportionen ausgelegt. Wer einen konventionellen Roboterarm oder Cobot in eine Hotelküche integrieren will, muss die gesamte Infrastruktur umbauen. Ein humanoider oder semihumanoider Roboter passt rein, wie ein zusätzlicher Mitarbeiter.
Das erklärt, warum so viele Hersteller auf die humanoide Form setzen, auch wenn andere Robotertypen für spezifische Aufgaben effizienter wären. Flexibilität schlägt Spezialisierung, sobald Umgebungen häufig wechseln.
Es gibt nicht einen Roboter für alles, aber für alles einen Roboter. Der Fokus liegt heute auf repetitiven, täglich gleichbleibenden, leicht messbaren Aufgaben. Reinigung, Warenbewegung, Routineabläufe in der Produktion. Keine kreativen oder sozialen Aufgaben, keine unvorhersehbaren Situationen. Noch nicht.
Für einen Betrieb heisst das: Welche Aufgaben laufen in deinem Betrieb täglich gleich ab? Welche sind klar messbar und wenig sozial? Das sind die Aufgaben, für die humanoide Roboter in den nächsten Jahren real werden.
Was Professor Knoll von der TU München sagt
Professor Dr. Alois Knoll ist Inhaber des Lehrstuhls für Robotik, Künstliche Intelligenz und Echtzeitsysteme an der Technischen Universität München, mit über 30 Jahren Erfahrung im Fachgebiet. Er ist seit zehn Jahren in Folge als einziger westlicher Robotikprofessor auf die Bühne der World Robot Conference eingeladen.
Er beschreibt die Entwicklung in historischer Perspektive. Bei der ersten Humanoid Robotics Conference im Jahr 2000 am MIT in Cambridge waren rund 100 Experten dabei. Damals konnte Honda Asimo kaum geradeaus gehen. Heute springen, kicken und boxen Hunderte Roboter auf einer Weltmeisterschaft, real und nicht simuliert.
Was den Fortschritt möglich gemacht hat, sind laut Knoll vier Entwicklungen, die jetzt zusammentreffen: Mechatronik, Rechenleistung, Sensorik und Vernetzung. Besonders bei den Händen ist der Sprung sichtbar. Früher klobig und langsam, heute bis zu 26 Freiheitsgrade, mit fein auflösender Sensorik in den Fingerkuppen, die kleinste Verformungen erkennen. „Feinmechanik ist eigentlich unser Ding in Deutschland“, sagt Knoll.
Das grösste Bottleneck bleibt die Datenverfügbarkeit. Roboter lernen aus Bewegungsdaten. China löst das unter anderem mit Tausenden von Freiwilligen, die täglich Bewegungsabläufe aufzeichnen. Forschungsseitig arbeitet man an Sim-to-Real-Methoden, bei denen Simulationen den Datenbedarf reduzieren.
Zur Lage Deutschlands sagt Knoll klar: Die Kompetenz ist vorhanden, aber die Bereitschaft, über viele Jahre in etwas zu investieren, ohne kurzfristige Amortisierung zu erwarten, ist es nicht. China hat über Jahrzehnte Ökosysteme aufgebaut. Deutschland hat gute Betriebe, aber keinen vergleichbaren Risikoappetit. „Man kann immer einsteigen, man muss es nur wollen.“
Für einen Betrieb heisst das: Wer heute anfängt zu verstehen, welche Prozesse für Automatisierung geeignet sind, ist in drei bis fünf Jahren besser positioniert als wer wartet. Das gilt auch für KMU im Berner Oberland.
Was das für Betriebe im Berner Oberland bedeutet
Kaufreif sind humanoide Roboter für die meisten Betriebe noch nicht. Die Technologie ist real, die Preise noch hoch und der Reifegrad für viele Anwendungsfälle noch ungenügend. Wer heute einsteigt, muss einen langen Atem mitbringen. Nicht sechs Monate Amortisation einplanen, sondern fünf Jahre.
Was aber jetzt beginnen sollte, ist das Verstehen.
Welche Aufgaben in deinem Betrieb laufen täglich gleich ab? Welche binden Arbeitsstunden, die anderswo nützlicher wären? Welche sind so klar strukturiert, dass man sie einem Roboter beibringen könnte? Diese Fragen zu beantworten ist der erste Schritt, bevor überhaupt eine Technologie in Frage kommt.
KI und Robotik gehören dabei zusammen. Humanoide Roboter brauchen KI, um sich in veränderlichen Umgebungen zu bewegen und Entscheidungen zu treffen. Was wir gerade erleben, ist der Anfang einer Entwicklung, deren Ende niemand absehen kann. „Man kann immer einsteigen, man muss es nur wollen.“
In zwanzig Minuten am Telefon lässt sich oft klären, welche Prozesse in deinem Betrieb sinnvoll automatisiert werden könnten und welche nicht. https://ki-beo.ch
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