Allgemein·5 Min. Lesezeit

KI-BEO, 6. Oktober 2026


Das Chatfenster von ChatGPT, Gemini oder Microsoft Copilot fühlt sich vertraut an. Du gibst eine Frage ein, du bekommst eine Antwort. Diskret, praktisch, schnell. Aber was passiert im Hintergrund? Laut einer noch nicht begutachteten Studie des IMDEA Networks Institute aus Madrid fliessen bei allen neun untersuchten KI-Chatbots Daten an Werbe- und Analyse-Tracker. Bei mehreren Anbietern werden Chat-Titel und Links zu Chatverläufen zusammen mit Nutzer-Kennungen an Dritte weitergegeben. Kein Grund zur Panik, aber ein klarer Anlass, kurz nachzuschauen, welche Daten du wirklich eingibst.


Was die Studie untersucht hat

Forschende des IMDEA Networks Institute (Madrid) haben neun bekannte KI-Chatbots analysiert: ChatGPT, Claude, Gemini, Grok, DeepSeek, Perplexity, Le Chat, Meta AI und Microsoft Copilot. Das Ergebnis: Alle neun geben Daten an Dritte weiter.

Wichtiger Hinweis zum Studienstatus: Es handelt sich um ein noch nicht peer-reviewtes Preprint. Die Befunde sind vorläufig und wurden von mehreren unabhängigen Quellen bestätigt, gelten aber noch nicht als abschliessend begutachtet.

Konkret fand die Studie:

  • Fünf bis sechs der neun Anbieter geben Chat-Titel und Permalinks zu Chatverläufen zusammen mit Nutzer-Kennungen an Werbe- und Analyse-Tracker weiter. Die Quellen weichen bei der genauen Zahl leicht ab; deshalb hier die Range statt einer fixen Zahl.
  • Insgesamt wurden 44 verschiedene Dritt-Tracker identifiziert. Am häufigsten taucht Google auf, dazu Meta, TikTok, Apple, X, Sentry, Datadog und Intercom.
  • Rund ein Drittel der Anbieter teilt automatisch erzeugte Chat-Zusammenfassungen mit Werbepartnern. Diese Zusammenfassungen können sensible Rückschlüsse auf die Inhalte enthalten.
  • 80,8 Prozent der Dritt-Tracker blieben auch dann aktiv, wenn Nutzerinnen und Nutzer nicht notwendige Cookies abgelehnt hatten. «Cookies ablehnen» hilft, ist aber kein vollständiger Schutz.
  • Teils geschah die Weitergabe auch im Inkognito- oder Privatmodus des Browsers.

(Quelle: Heise Online, 06.10.2026; unabhängig bestätigt durch IMDEA Networks, Heise EN, ppc.land, arXiv-Preprint der Studie selbst.)


Was konkret weitergegeben wird

Wichtig ist die Unterscheidung: Die Studie hat keine vollständigen Chatinhalte nachgewiesen, die an Dritte verkauft worden wären. Das wäre eine ungenaue Vereinfachung. Was nachgewiesen wurde: Metadaten, Kennungen und Chat-Titel fliessen an Tracker. Zusammen mit E-Mail-Adressen und dauerhaften Nutzer-Kennungen können Dritte daraus Profile aufbauen und Nutzerinnen und Nutzer wiedererkennen.

Die Forschenden verwendeten sogenannte Canary-URLs, also digitale Köder: Sie platzierten spezielle Links in Test-Chats und prüften, ob Dritte diese Links tatsächlich aufrufen. Bei mehreren Anbietern wurde der Köder ausgelöst, ein belegter Nachweis, dass die weitergegebenen Links auch abgerufen wurden.


Die Unterscheidung, auf die es ankommt

Das Chatfenster ist wie ein Gespräch in einem offenen Grossraumbüro. Für Alltägliches meistens kein Problem. Für Vertrauliches ein anderes Bild.

Der wichtige Unterschied im Betrieb: Zwischen «ich schreibe einen allgemeinen Textentwurf ohne Personenbezug» und «ich tippe echte Kundenadressen, Vertragsdetails, Mandantendaten oder Gesundheitsangaben in das Chatfenster» liegt der ganze Unterschied.

Das Erste ist für die meisten Alltagszwecke unproblematisch. Das Zweite kann datenschutzrechtlich heikel werden, besonders dort, wo das revidierte Schweizer Datenschutzgesetz (revDSG/nDSG) greift: beim Treuhandbüro mit Mandantendaten, bei der Arztpraxis mit Patientenangaben, beim Hotel mit Gästedaten, beim Verein mit der Mitgliederliste.


Drei konkrete Massnahmen ohne grossen Aufwand

Erstens: Keine echten Namen, Adressen, Vertrags-, Finanz- oder Gesundheitsdaten von Kundinnen und Kunden in ein kostenloses KI-Konsumenten-Tool eingeben. Für solche Aufgaben gibt es Geschäfts- und Enterprise-Stufen mit Datenschutzvertrag, oder man prüft eine lokale oder Schweizer Lösung.

Zweitens: «Cookies ablehnen» nicht als vollständigen Schutz betrachten. Laut Studie blieben 80,8 Prozent der Tracker trotzdem aktiv. Es hilft, aber es reicht nicht allein.

Drittens: Eine klare interne Regel festlegen: Welche Daten dürfen in welches Tool? Das ist keine grosse Strategie, sondern eine Viertelstunde Nachdenken und eine kurze Absprache im Betrieb.

Ein Hinweis zur Rechtslage: Das revDSG/nDSG gilt für alle Betriebe, die mit Personendaten arbeiten. Dieser Artikel ist keine Rechtsberatung; er zeigt, wo ein Gespräch mit einer Fachperson sinnvoll sein kann.


Ehrlich gesagt

KI-BEO nutzt selbst KI-Chatbots, darunter auch kostenlose Angebote. Deshalb die klare Aussage: Diese Studie ist kein Grund, KI zu meiden. KI bleibt nützlich. Es geht nicht um Verzicht, sondern um bewusstes Trennen: Was darf ins Tool, was besser nicht.

Noch ein Punkt zum Einordnen: Die Studie ist ein Preprint und ihre Zahlen sind Momentaufnahmen. Anbieter können ihre Datenschutzpraktiken jederzeit anpassen. Die eigentliche Lehre ist aber unabhängig von den Einzelwerten gültig: Daten, die man einmal preisgibt, holt man nicht zurück. Wer das von Anfang an mitdenkt, nutzt KI ruhiger und mit weniger Risiko.


In zwanzig Minuten klären, was in welches Tool darf

Wenn du wissen möchtest, welche KI-Lösung für deinen Betrieb datenschutzgerecht und sinnvoll ist, und welche Daten du heute konkret anders handhaben solltest: Wir klären das gerne in einem kurzen Gespräch, ohne Verpflichtung. ki-beo.ch


Quellen

  • Heise Online: Diese Daten geben ChatGPT, Gemini, Claude und Co. über uns an Dritte, 06.10.2026. https://www.heise.de/news/Diese-Daten-geben-ChatGPT-Gemini-Claude-und-Co-ueber-uns-an-Dritte-11476698.html
  • IMDEA Networks: Your conversations with AI may not be as private as you think. https://networks.imdea.org/your-conversations-with-ai-may-not-be-as-private-as-you-think/
  • Heise Online (EN): These data are shared by ChatGPT, Gemini, Claude & Co. with third parties. https://www.heise.de/en/news/These-data-are-shared-by-ChatGPT-Gemini-Claude-Co-with-third-parties-11476981.html
  • ppc.land: 6 of 9 AI chatbots pass chat titles or links to trackers, IMDEA finds. https://ppc.land/6-of-9-ai-chatbots-pass-chat-titles-or-links-to-trackers-imdea-finds/
  • arXiv: Tracking Conversations: Measuring Content and Identity Exposure on AI Chatbots (IMDEA Networks). https://arxiv.org/pdf/2604.27438

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Emanuel Schmid
Inhaber von EIL in Spiez — hilft KMU im Berner Oberland, KI datenschutzkonform einzusetzen.